Hier ist nicht Grieche noch Jude, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal 3,28)
Das hört sich ja zunächst an, als ob Paulus die Unterschiede zwischen den Menschen ignoriert und sie nicht gelten lassen will. Juden, also Gläubige, und Griechen, gemeint sind Heiden, Sklaven und Freie, Mann und Frau sind Einer. Wie meint das Paulus? Will er Uniformität oder auch Gleichmacherei? Das Verschwinden des Menschen mit all seiner Individualität hinter einer Einheitsfassade und mit einheitlichen Lebensstilen, -gewohnheiten und –auffassungen? So ein ähnliches Bild hatten uns die Lehrer in der ehemaligen DDR in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts über die Menschen im Kommunismus vor Augen gemalt. Schon damals sträubte sich alles in mir angesichts einer solchen Vorstellung.
Aber so meint es Paulus auch nicht. Wir können es etwa so sagen: Alle Menschen, die an Jesus Christus glauben und auf seinen Namen getauft sind, bilden eine Einheit. Diese Einheit ist wie ein Raum, in den sie Jesus Christus unterschiedslos aufnimmt. In dieser so geschenkten Einheit sind sie untereinander gleich wert und haben die gleiche Würde trotz aller sonstigen Verschiedenheiten.
Aber schon zu Paulus‘ Zeiten war es nicht einfach, so auch miteinander zu leben und umzugehen. In den Gemeinden in Galatien traten Konflikte zwischen Judenchristen und Heidenchristen offen zu Tage. Vereinfacht gesagt ging es darum, wer denn den rechten Glauben an Jesus Christus hat, wer deshalb den Vorrang haben muss und wer sich demzufolge also unterordnen muss. Es lief quasi auf eine Spaltung der Christen in solche ersten und zweiten Grades hinaus. Paulus schreibt nun aber ganz grundsätzlich dazu, indem er klarstellt, dass Christen, so verschiedenartig sie auch sind, generell zusammengehören und durch ihren Glauben und ihre Taufe gleichen Wert und gleiche Würde haben. Ihre Verschiedenartigkeit und Andersartigkeit ist nichts Trennendes. Und ich füge ganz im Sinne des Paulus dazu: Diese Verschiedenheit und Andersartigkeit hat eher etwas Befruchtendes im Zusammenleben in den Gemeinden, der Kirche und der Gesellschaft.
Auch schon damals kam es im Alltagsleben zu Konflikten zwischen Armen und Reichen, zwischen denen „da oben“ und „da unten“, zwischen den verschiedenen Geschlechtern und zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten. Und auch schon damals gab es Spannungen zwischen Einheimischen und Fremden.
Und bis heute geht es in christlichen Gemeinden auch nicht immer friedlich und gerecht zu. Rechthaberei, Geltungsbedürfnis, christliche und konfessionelle Selbstüberheblichkeit, das Streben nach Macht sowie Vorurteile gegenüber Fremden, aber auch solchen, die eine andere Frömmigkeit praktizieren, sind sehr oft die Ursache dafür.
Paulus aber ist der Überzeugung, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und aus ganz unterschiedlicher Herkunft in Frieden und in Gerechtigkeit zusammenleben können. Denn sie verbindet der Glaube an Jesus Christus und die Taufe. In und mit diesem Glauben wird uns eine Gemeinsamkeit geschenkt, die alle Verschiedenheit durchdringt, überwindet und schließlich zurück lässt. Es ist dann nicht mehr entscheidend, ob einer reich oder arm ist oder ob er zu den Mächtigen oder Ohnmächtigen oder zu den Prominenten oder Übersehenen gehört. Vielmehr macht die Überzeugung, dass der andere einen ebenso lebendigen Glauben hat wie ich, frei, alle Schranken zwischen ihm und mir zu überwinden, ihm mit Liebe zu begegnen und ihm zu helfen. Und wie schon erwähnt, in der Regel bereichert es uns selbst und unsere Gemeinschaft in den Gemeinden, den Kirchen und der Gesellschaft ungemein. Das habe ich selbst wie viele andere auch vielfach erleben dürfen. Gott sei Dank!