Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, dass der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat. (Dtn 26,11 – Spruch für diesen Monat)

Wer freut sich eigentlich nicht, wenn ihm Gutes widerfährt. Ich kenne jedenfalls niemanden. Das Gute jedoch mit Gott in Verbindung zu bringen, das sehen in heutiger Zeit die meisten Menschen nicht. Es wird dann meist von Glück gehabt gesprochen oder auch vom Zufall. Es wird auf die eigenen Bemühungen und die Tüchtigkeit verwiesen, um sich des Lebens erfreuen zu können usw. Wie auch immer, viele derjenigen sehen in dem Guten, was ihnen widerfährt und sie sich darüber freuen, keinen Zusammenhang mit Gott. Viele Menschen kenne ich, die sich über das Gute in ihrem Leben nicht weniger freuen als die, die an Gott glauben – jedenfalls sieht es auf den ersten Blick so aus. Doch dazu später mehr.

Der Vers Dtn 26,11 gehört zu einem Glaubensbekenntnis im Rahmen einer Liturgie zum Erntedankfest in Jerusalem in der spätvorexilischen Zeit (Ausgang 7. Jh. v. Chr.). Die Teilnehmer bekunden: Alles, was ich bin und habe, ist mir von Gott geschenkt, ist seine Gabe für mich und die Meinen. Ich lebe davon. Angesichts solchen Glückes werden die Teilnehmer dazu ermuntert, sich darüber zu freuen und fröhlich zu sein. Die Freude ist ja Ausdruck eines solchen Glückes. So auch die Redewendung, der Glückliche freut sich des Lebens.

In der Glücksforschung heißt es: Wahrhaft glücklich sieht sich der Mensch und es erfüllt ihn daher mit Freude und Dankbarkeit, wenn sein Leben von großer Zufriedenheit und Wohlbefinden durchzogen ist, wenn er also zu seinem Leben als Ganzem Ja sagen kann. Das kann er erreichen, indem er soziale Beziehungen eingeht und pflegt, die Freuden des Lebens genießt, Sport treibt, Kunst und die Natur bewusst auf sich einwirken lässt, meditiert und in allem, was er tut, einen Sinn für sich und andere erkennt. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass wahres, vollkommenes Glück durch solche „self made man“-Praktiken nicht vollständig erreichbar sind. Glück, Lebensfreude bleiben bruchstückhaft und sind nicht dauerhaft. Denn selbst bei Menschen, die sich wirklich glücklich preisen, leuchtet letztlich immer am Horizont der vorhandenen Wirklichkeit etwas davon auf, dass das bisher erreichte Glück doch nicht vollkommen ist. Da wird erkannt: Vollkommenes Glück und Lebensfreude sind letztlich nicht verfügbar und nicht machbar.


Wie sieht es bei denen aus, die an Gott glauben? Sie wissen sich von Gott in einer wohlwollend zugewandten, guten Wirklichkeit aufgehoben. Sie wissen: Wir Menschen können selbst in Krisenzeiten nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Gott will ja, dass wir glücklich sind. Sie wissen jedoch auch, dass der Mensch über die Zugewandtheit Gottes und sein Wohlwollen nicht verfügen kann. Er kann es aber von ihm empfangen als ein Leben, das der Botschaft des Neuen Testaments entsprechend sogar über das Maß des irdischen Lebens hinausgeht (Joh 1,16; 10,10) und ohne Einschränkung heil ist, und zwar durch den Glauben an Jesus Christus. Menschen, die ihm vertrauen, können somit gelassen leben. Die berühmten Sätze Jesu in seiner Bergpredigt vom Schätze sammeln und Sorgen (Mt 6,25-34) haben das zum Inhalt. Mit ihnen will er zu einer heiteren Gelassenheit in solch neuer Gotteserfahrung hinführen. Denn die Welt ist ja Gottes Welt, in der wir als seine Geschöpfe glücklich leben sollen. Die neue Gotteserfahrung besteht darin, dass altes, verkrustetes Leben aufgebrochen wird, wir davon entlastet werden, so dass ein Leben im Überfluss, im ewigen Leben, das Gott uns Menschen zugedacht hat, bei uns anbrechen kann. Christus eröffnet also eine neue Lebensperspektive. Sie macht dauerhaft glücklich und erfüllt daher mit großer Freude.
Ein weiterer berühmter Glückstext unterstreicht das. Es sind Jesu Seligpreisungen. Sie beginnen im Griechischen mit dem Wort makarioi. Luther übersetzt es mit „Selig sind die ….“. Das alte deutsche Wort „selig“ bedeutet nicht nur „glücklich“, sondern „ glücklich und des ewigen Heils teilhaftig sein“.
Bei allen biblischen Seligpreisungen erkennen wir jedoch auch, dass zum Glücklichsein mit der dadurch freigesetzten Lebensfreude dazugehört, aus dieser Quelle des Lebens dann auch sein Leben zu gestalten. Mit anderen Worten: Erst dann, wenn das Schöpfen aus dieser Quelle im ethischen Handeln seinen Niederschlag findet, kann sich derjenige wirklich glücklich preisen (z.B. Mt 5,5-9). Darauf weist Jesus hin. Es geht um eine Lebensgestaltung im Horizont des Doppelgebots der Liebe (Mt 22,37-40) und der Goldenen Regel (Mt 7,12). Das ist einsichtig, denn kein Mensch kann glücklich werden und Freude haben, wenn er es nur für sich haben will. Die Redewendung, geteilte Freude ist doppelte Freude, spiegelt das wider.

Als ich über diesen Monatsspruch nachgedacht habe, fiel mir eine Begebenheit von vor mehr als 30 Jahren ein. Da kam zu mir der Inhaber eines größeren mittelständigen Unternehmens und bat mich, für seine Mitarbeiter anlässlich der Fertigstellung eines neuen Produktionsgebäudes dort eine Andacht zu halten. Die über 400 Mitarbeiter bekamen an dem Tag arbeitsfrei. Er lud sie alle zum Feiern ein mit anschließendem üppigen Mittagessen in der großen Halle. Vor der Andacht interviewte das Fernsehen etliche Mitarbeiter. Der Reporter war erstaunt, was er zu hören bekam: So einen Chef hätten sie noch nie gehabt. Er zahle ihnen sehr gute Löhne, berücksichtige, so weit es möglich ist, ihre persönliche Situation hinsichtlich der Gestaltung der Arbeitszeiten. Er kehre in keiner Weise den Chef heraus, sondern wertschätze sie überaus, ist sich zu nichts zu schade und suche stets nach Lösungen, die für sie und fürs Unternehmen gut sind. Schließlich sagten einige: „Wir würden für ihn durchs Feuer gehen.“
Danach wurde in meinem Beisein der Inhaber interviewt. Er wurde gefragt, wie es kommt, dass ein so überaus positives Klima in der Firma herrsche und er so sehr geschätzt würde. Er antwortete in die Kamera: „Wissen Sie, ich kann gar nicht anders. Meine Mutter musste mit uns 6 Kindern in den letzten Kriegswochen aus der Tschechei fliehen. Mein Vater war gefallen. Wir hatten Todesangst und nichts zu essen. Hin und wieder versteckte uns ein Bauer in seiner Scheune, ließ uns dort schlafen und gab uns eine Kleinigkeit zu essen. Meine Mutter hatte nie geklagt. Sie war eine tiefgläubige Frau, betete jeden Tag ums Überleben. Sie wusste uns alle, egal, was mit uns passieren würde, in Gottes Hand. Und wenn wir etwas zum Essen hatten, war sie Gott so überaus dankbar und freute sich. Diese Haltung meiner Mutter hat mich geprägt, auch wenn ich nicht so gläubig bin wie sie. Als wir in Bayern eine neue Bleibe gefunden hatten und nach und nach uns um unseren Lebensunterhalt selbst kümmern konnten, freuten wir uns sehr über jede weitere Verbesserung in unserem Leben und waren dankbar. Dass ich mir nach Jahren schließlich ein Unternehmen aufbauen konnte und es bis heute so erfolgreich ist, darüber bin ich jeden Tag dankbar und freue mich. Und alle meine Mitarbeiter sollen davon profitieren. Was brauche ich 2 Villen, mehrere Autos, großen Luxus und so viel Geld, das ich als einfacher Mensch gar nicht ausgeben kann? Letztlich sehe ich alles, was mir an Gutem widerfährt, als Geschenk Gottes und sehe mich nur als Verwalter seiner guten Gaben, der in Verantwortung steht für seine Mitarbeiter. Was ich deshalb für sie tun kann, das ermögliche ich ihnen auch. Das ist es, so denke ich, was unsere Gemeinschaft stärkt und wovon der einzelne und das Unternehmen insgesamt profitiert. Und darüber freue ich mich jeden Tag, auch wenn es mal schwierig wird.“ Dem Reporter verschlug es für einen Moment die Sprache. So etwas hatte er wohl nicht erwartet und vielleicht auch noch nie gehört.

Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, dass der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat. Bei diesem Firmeninhaber und bei unzählig vielen anderen, die ihr Leben ähnlich mit Gutem von Gott beschenkt sehen, zeigt sich, dass dann ein reicher Segen davon ausgeht und sich ausbreitet.