Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele. (Hebr 6,19 – der Monatsspruch)
Hoffnung haben und behalten, das ist nicht immer leicht. Immer wieder gibt es Enttäuschungen, wenn sich Erwartungen und Aussichten auf Besserung nicht erfüllen – in der Welt und im eigenen Leben. Vielen spricht der römische Dichter Ovid, ein Zeitgenosse Jesu, dann aus dem Herzen, der sagte: „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.“
Nicht alle unserer Hoffnungen sind tatsächlich realistisch. Er gibt auch ferne, unrealistische, die eher Wunschträume sind. Manche Hoffnungen sind eher nebensächlich und banal. Andere jedoch sind existenziell notwendig, also unbedingt wichtig für unser Leben. Zerplatzen sie wie Seifenblasen, werden wir unglücklich, resignieren, werden depressiv, verlieren den Lebenssinn. Sie schlagen in Verzweiflung um. Deshalb greifen wir nach jedem Strohhalm, der unsere Hoffnung wach halten kann. Da heißt es dann nur noch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Dass sie nicht stirbt, dass nicht auch noch der letzte Strohhalm einer Hoffnung wie eine Seifenblase zerplatzt, dagegen wird oft angerannt. Sie muss lebendig bleiben und wachsen können.
Ich weiß noch von früher, da sagte man über eine schwangere Frau, sie sei guter Hoffnung. Damit wollte man sagen: Ihr Kind ist zwar noch nicht geboren, sie kann es noch nicht in die Arme nehmen, aber doch ist es bereits da – in ihr – und wächst jeden Tag. Es verändert den Alltag der künftigen Mutter. Doch eines Tages ist es geboren, dieses neue Leben, auf das über die Zeit des Werdens und Wachsens gehofft wurde.
Die Hoffnung lässt Leben wachsen. Sie muss also lebendig bleiben. Ohne sie geht es nicht weiter. Sie schaut über das Jetzt hinaus, ist unverzichtbar und lebensnotwendig, denn sie hilft uns beim Durchstehen schwieriger Zeiten.
Spätestens mit dem Tod, so sagen viele, sterben auch die letzten Hoffnungen. Mit dem christlichen Glauben ist jedoch eine Hoffnung untrennbar verbunden, deren Erfüllung selbst der Tod nicht verhindern kann. Ist der Glaube jedoch schwach oder wird schwach, dann schwindet auch diese Hoffnung und kann sogar unter die Räder kommen. Der Glaube kann angefochten und schwach werden durch vielerlei Widerfahrnisse im Leben und in der Welt, die gegen ihn sprechen. So war es bereits im Urchristentum.
Der Hebräerbrief wendet sich um 90 n. Chr. an Christen, die in der Gefahr standen, ihren Glauben aufzugeben und mit ihm auch ihre Hoffnung. Denn sie wurden aufgrund ihres Glaubens bedrängt und verfolgt. Der Verfasser des Hebräerbriefes befürchtete ihren Abfall vom Glauben. Er will die bedrängten Christen zu erneuter Standhaftigkeit ermutigen und appelliert an sie, die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn die Verheißung Gottes gilt unerschütterlich: für immer bei Gott zur Ruhe zu kommen. Sie erfüllt sich. Das Heil der Gläubigen wird vollendet.
Diese Hoffnung vergleicht der Hebr mit einem Anker: Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele. Zum besseren Verständnis halte ich mich hier an den Urtext des Verses 19, der von Vers 18 her zu übersetzen ist: „Am gegebenen, aber noch nicht erfüllten Hoffnungsgut [damit ist gemeint die von Gott garantierte Verheißung, unerschütterliche und vollendete Gemeinschaft mit Gott zu haben – Erg.d.Verf.] haben wir einen sicheren und festen Anker für die Seele, der in das Innere des Vorhangs hineinreicht.“
Der Anker ist ein bis heute gebräuchliches Symbol für Sicherheit. Hier zeichnet er sich dadurch aus, dass er von ewiger und unerschütterlicher Qualität ist, denn er ist himmlischen Ursprungs. Und er ist von ganz besonderer Natur. Er ist ein Anker der Seele, also einer, der dem Menschen in seiner ganzheitlichen Existenz in den Stürmen des Lebens unter dem Aspekt der Ewigkeit einen sicheren Halt gibt, so dass er nicht strandet und zerbricht. Dieser Anker hält den Bedrohungen im Leben stand, mag kommen, was will. Denn er reicht hinein in die für uns Menschen unsichtbare himmlische Gegenwart Gottes, in die Ewigkeit, wo Jesus, Gottes Sohn, für uns schon ist. Er hat als Vorläufer den Weg für uns gebahnt und garantiert dem Anker diese Sicherheit. Denn in himmlischer Perspektive ist dieses Zu-Gott-Kommen in Jesus bereits gegenwärtig geworden. Er ist es, der denen, die sein Wort von der Verheißung Gottes hören und an ihr festhalten, das noch ausstehende Heil verbürgt, obwohl das für sie noch nicht sichtbar ist. Fester kann also unsere Seele, unsere ganzheitliche Existenz, nicht verankert sein. Das sollen wir wissen. Und in dieser Gewissheit, dass diese Verheißung Gottes unerschütterlich gilt, sollen wir unser Leben als Christen gegen alle Widerstände und Widerfahrnisse im Leben gestalten.
Unzählig vielen Christen hat ein solcher Hoffnungsanker im Leben geholfen. Ich denke z.B. an Martin Luther. Er schrieb vor dem Hintergrund der Bekämpfung der Reformation das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“. In der 4. Strophe heißt es: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Lass fahren dahin, sie haben´s kein´ Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.“ Und er meint damit: Ihr könnt uns ins größte Unglück stürzen. Gottes ewiges Reich bleibt. Das ist meine feste Hoffnung. Davon lasse ich mich nicht abbringen.
Ich weiß von einem Bauernehepaar in der ehemaligen DDR. Dem wurde mitgeteilt, dass sie von Haus, Hof und Land enteignet werden und sie ihre Heimat verlassen müssen. Den Eindringlingen antworteten der Bauer: „Den Hof könnt ihr uns nehmen, den Glauben und die Hoffnung auf das Reich Gottes, das eures zunichtemacht, niemals.“ Ihre Hoffnung, niemals aus Gottes Hand fallen zu können, war ihr Anker. Andere wären vielleicht durch die Enteignung und Vertreibung zugrunde gegangen.
Eine krebskranke Frau weiß, dass sie nur noch kurze Zeit zu leben hat. Sie liegt im Pflegebett. Da geht die Tür auf. Ihre Enkelin, die sie schon so lange nicht gesehen hatte, stürzt an ihr Krankenbett und heult und heult. Nach einer Weile sagte sie, sie habe keine Worte angesichts des großen Leides und des nahen Todes. Das sei doch so fürchterlich. Die kranke Frau entgegnet ihr: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Und die Schmerzen, die kann ich aushalten. Ich weiß, es wird alles gut. Ich bin ja nicht allein. Das weißt du doch. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt (Hiob 19,25). Auf ihn hoffe ich im Leben wie im Sterben. Weißt du, mir hat ein Wort aus Ps 118 gerade in letzter Zeit sehr geholfen: Ich werde nicht sterben, sondern leben.“ Dann streichelte sie die Hand ihrer Enkelin und wiederholte: „Es wird alles gut.“
Der Hebräerbrief will Christen an die Verheißung Gottes, auf die sie hoffen, erinnern. Er will sie ermutigen, standhaft bei allem zu bleiben, was ihren Glauben und ihre Hoffnung anficht. Sie sollen sich von nichts und niemand darin beirren lassen.
Und Mut ist gerade auch heute nötig. Z.B. denen zu widersprechen, die sich selbst und ihre Ideologie wichtiger nehmen als die Mitmenschen und deren Würde. Mutig sich gegen alle Widerstände einzusetzen für Freiheit und Gerechtigkeit für alle – gegen Hass, Hetze und Menschenverachtung. Und überhaupt das Wagnis auf sich zu nehmen, trotz Spott und Hohn, trotz Ausgrenzung und Bedrängnis das eigene Leben nach Gottes Willen gegen den Mainstream und gegen den Strom der Gleichgültigkeit zu gestalten. Der Hoffnungsanker hält uns sicher und unerschütterlich, so dass wir das Leben, das uns Gott zugesagt hat, nicht verlieren. Denn wir sind fest in Gott selbst verankert durch Jesus, seinen Sohn.