Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach dem Wind. (Koh 4,6 – der Monatsspruch für September) Die meisten lesen aus ihm heraus, dass es für den Menschen besser ist, nicht nur zu arbeiten, sondern sich auch Zeit für die Familie und für Freunde zu nehmen, Zeit und Ruhe auch für sich, für Muße und Erholung, um all das, was Gott an Gutem fürs Leben gegeben hat, genießen zu können.
Wir hören das gern. Der Gedanke gefällt uns. Denn in unserer Zeit, die geprägt ist von einem oft unbarmherzigen Leistungsdruck auf die Menschen, von Stress, Hektik und einem Gefühl von Haltlosigkeit und Angst in den Strudeln des Lebens, ist die Sehnsucht nach Ruhepolen, nach Glück und Lebensfreude, kurzum nach einem guten, sinnerfüllten Leben groß. Und es wird nahezu alles dafür getan, dass sich das Ersehnte auch erfüllt.
Kohelet tat dies auch. Doch er machte die Erfahrung – so schildert er es –, dass das Streben danach Selbsttäuschung ist. Er erkannte, dass das Streben nach Lebensfreude, nach dem Glück eitel und Haschen nach dem Wind ist. Bei Kohelet ist das hebräische Wort, das gewöhnlich mit „eitel“ übersetzt wird, jedoch am besten wiederzugeben mit „flüchtig“. Kohelet sagt, flüchtig ist also solches Streben,. Warum? Er betont immer wieder, Lebensfreude und Glück kommen aus der Hand Gottes, des Schöpfers, und sind für den Menschen unverfügbar. Gott jedoch gibt dem Mensch Anteil daran nach seinem Maß. Dieses ihm zugeteilte Maß, Kohelet nennt es Los, soll der Mensch ergreifen. Dementsprechend soll er sein Leben mit Essen und Trinken in Freude genießen und so in seinem Leben handeln, dass er dabei eine ebensolche Lebensfreude empfindet. Das alles ist Geschenk Gottes.. Diese Erkenntnis war für ihn so bedeutsam, dass er sie mit den Worten festhielt: „So pries ich die Freude: Es gibt nichts Gutes für den Menschen unter der Sonne außer zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Das soll ihn begleiten bei seiner Mühe/Arbeit alle Tage seines Lebens, die Gott ihm gegeben hat unter der Sonne.“ (Koh 8,15)
Im Leben so handeln, dass man in allem Freude dabei empfindet. Darauf legt Kohelet auch den Finger, nicht nur aufs Genießen. Freude empfinden bei dem, was man tagtäglich tut. Das heißt dann im Umkehrschluss: All das sein lassen, was die Lebensfreude eintrübt. Dazu gehört auch, den Zwangsvorstellungen entgegenzuwirken, die dem Eigenwillen des Menschen entspringen. Das erkennt Kohelet besonders beim Neid und Wetteifer, worauf er dann in 4,4-6 eingeht.
Neid und Wetteifer sind eine besondere Form der Bedrückung oder des Unrechts gegenüber den Mitmenschen, stören empfindlich die zwischenmenschliche Solidarität und lösen allerlei negative Folgen aus.
Neid, das wissen wir, ist ein emotionaler Zustand der Menschen. Es wird dabei das Verlangen verspürt, etwas zu besitzen oder zu erreichen, was eine andere Person bereits hat. Dann gönnen wir ihr ihren Erfolg oder Besitz nicht oder fühlen uns unterlegen und sehen die andere Person eher als Feind statt als Vorbild. Neid und Wetteifer führen beispielsweise dazu, andere des eigenen Vorteils oder der Ehre wegen zu übertreffen. Man will mehr als andere gesehen, anerkannt und bewundert werden, beneidet sie und sieht sie als Rivalen. Allzu oft erwachsen auch harte Arbeit und hohe Ziele aus dem Wunsch heraus, die Besten zu sein, ja nicht unterlegen zu sein. Rivalität und Wettbewerb führen zu Konkurrenzkampf und sozialen Konflikten, zu Schadenfreude, Denunziation, Verrat, Sabotage und üble Nachrede. Wir sehen das z.B. im Sport, in der Politik, der Wirtschaft und im gesellschaftlichen und sozialen Miteinander. Wer eifersüchtig ist, wird von solchen eigenen falschen Gefühlen und Motiven dominiert, wenn er ihnen nicht willentlich eine Absage erteilt. Denn das Handeln aus Neid und Wetteifer, so Kohelet, führt nur kurzzeitig zu einem Gefühl der Freude und des Glücks, wenn überhaupt. Es ist daher flüchtig und ein Haschen nach dem Wind, ist also vergeblich. Das Handeln hat also negative Aspekte, obwohl es ganz prinzipiell notwendig ist, tätig zu sein und zu arbeiten.
Ihm gegenüber ist einer, der lieber gar nichts tut, der Faule also, ein Tor (Koh 4,5). Denn er erkennt nicht die Gefahren der Faulheit. So richtet er sich selbst zugrunde, oder mit Worten des Kohelet, „er verzehrt sein eigenes Fleisch“. Er verliert nicht nur das, was er besitzt, sondern auch, was er ist. Er baut körperlich ab, wird physisch und psychisch krank, wird bestimmt von einem anhaltendem Gefühl von Sinnlosigkeit, Frust und geringem Selbstwertgefühl. Auch wenn in unserer heutigen Zeit vieles davon aufgrund unseres noch einigermaßen intakten sozialen Sicherungssystems nicht mehr so krass zur Auswirkung kommt, so behält Faulheit im Grunde genommen ihren ruinösen Charakter. Sie bleibt eine Torheit, weil Leben eben nicht gelingt, denn das Gefühl von Lebensfreude und Glück ist nicht erreichbar.
Nun meinen die meisten, dass Kohelet mit dem Spruch „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach dem Wind“ einen gangbaren Mittelweg aufzeigt, worauf ich bereits am Anfang hinwies. Doch nach allem, was wir nun von Kohelet wissen, geht es ihm nur darum, zu zeigen, dass beide Haltungen, nämlich die derjenigen, die mit Neid und Wetteifer tätig sind und die der anderen, die faul sind, flüchtig und ein Haschen nach dem Wind sind. Denn sie verhindern, wie wir es nun von Kohelet erfahren haben, Lebensfreude und Glück für sich selbst und andere. Im Blick auf dieses Fazit von Vers 5 ist also auch der sogenannte Mittelweg im Vers 6 für ihn kein gangbarer Weg. Ich kann deshalb den Vers 6 eher als eine Aussage des Faulen von Vers 5 verstehen, der einen solchen Mittelweg im Sinn hat und den Kohelet ihm in den Mund gelegt hat.
Wir sehen dies in unserer heutigen Zeit allerdings differenzierter als Kohelet. Wir müssen heute deutlich darauf hinweisen und ernst nehmen, dass es für uns, unsere Gesundheit und für unser Glücklichsein erforderlich ist, unsere Arbeit immer wieder zu unterbrechen mit Zeiten der Ruhe und Erholung. Jeder Mensch hat sie nötig. Er braucht Abstand von Stress und Hektik, braucht Zeit für seine Familie und zur Pflege von Freundschaften. Es wäre unverantwortlich gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen, wenn solche Zeiten fehlen oder nicht genügend eingeräumt werden. Denn sonst kommen ebenfalls keine Lebensfreude und Glück auf. Auf diesen wohl eher neuzeitlichen Aspekt kam es Kohelet jedoch hier nicht an. Das war meines Erachtens wohl auch kaum in seinem Blick. Gleichwohl bleibt seine Warnung, sich nicht von Neid und Wetteifer auf der einen Seite und von Faulheit auf der anderen Seite im Leben bestimmen zu lassen. Vielmehr soll man all das Gute, nämlich Lebensfreude und Glück, das uns Gott zukommen lässt, auch wirklich ergreifen, indem man in seinem Handeln tatkräftig dem Neid, der Konkurrenz und der Faulheit entgegen wirkt. Ich verstehe seine Warnung also wie ein Geländer, das vor dem Abstürzen in ein freud- und glückloses Leben bewahren will.