Da weinte Jesus. (Joh 11,35 – Spruch für diesen Monat) Jesus gingen die Augen über; Tränen flossen. Was war geschehen? Warum weinte er? Wir finden die Antwort aus dem Zusammenhang der ganzen Erzählung.
Jesu Freund Lazaraus war todkrank. Seine Schwestern Maria und Marta ließen Jesus das ausrichten. Doch Jesus ließ sich Zeit, zu kommen. Er wusste bereits, dass Lazarus nun verstorben war. Er wollte ihn jedoch auferwecken, um Gott in seiner Machtherrlichkeit zu offenbaren, die im Wunder gleichermaßen mit ihm, seinem Sohn, sichtbar und erfahrbar wird. Sein Ziel war wie bei all seinen Wundern, den Glauben an ihn, den Gottesssohn und Lebensspender zu wecken, um die Menschen von den lebenszerstörenden Mächten zu befreien, damit sie an seiner Lebensmacht teilhaben können.
Als Jesus nun nahe des Dorfes war, wo die Familie wohnte, hatte er zunächst ein Gespräch mit Marta über die Auferstehung. Er sagte schließlich zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“ (11,25f.) Dann kam auch Maria zu Jesus und mit ihr die ganze Trauergemeinde, um die Schwestern zu trösten. Jesus sah die Schwestern und die Juden weinen. Ihn drängte es nun zum Grab, um das Wunder zu vollbringen. Nun weint auch er.
Der Grund wird uns nicht genannt, jedoch erschließt er sich aus dem hier kurz dargestellten Zusammenhang. Oft wird gesagt, er weinte aus Schmerz, weil sein Freund Lazarus nun tot war. Aus dem Zusammenhang jedoch wird deutlich, dass das nicht sein kann. Jesus wollte durch das Auferstehungswunder, das er nun am Grab vollbrachte, seine Göttlichkeit offenbaren, damit die Menschen zum Glauben an ihn kommen und so frei werden zu einem Leben in Ewigkeit, das es nur bei Gott und somit bei ihm als Gottessohn gibt. Denn der Tod ist für ihn nicht das Letzte für den Menschen. Das spätere Osterereignis – seine Auferstehung von den Toten als Sieg über den Tod – bezeugt dies aller Welt eindrücklich.
Der Grund, warum Jesus weinte, liegt also woanders. Er weinte mit denen, die trauerten. Er fühlte mit ihnen, fühlte ihren Schmerz, war tief gerührt und ergriffen. Aus emotionaler Empathie, aus tiefem Mitgefühl gingen ihm die Augen über. Das heißt: Uns Menschen ist im gottgleichen Jesus zugleich der menschgleiche Jesus nahe in allem, was das Menschsein ausmacht, außer der Sündhaftigkeit.

Dass Jesus weinte, zeigt, wie sehr Gott mit uns mitfühlt, wie er mit uns trauert und so mittragen will an unserem Leid, an unserem Ergehen. In allen Gefühlen im Zusammenhang mit Sterben und Tod, Ungerechtigkeit und Zerstörung und allem, was das Leben beschneidet, in allen Gefühlen, die unangenehm sind, die einem plagen und quälen und für die man sich schämt, fühlt Gott, fühlt Jesus Christus mit. Wir sollen wissen: Niemand soll sich allein und verlassen vorkommen, selbst wenn Menschen uns verlassen – ob durch Trennung oder Tod. Jeder, der sein Vertrauen auf ihn setzt, wird das spüren können. Denn er kennt die Regungen im Herzen der Menschen, kennt ihr Gemüt und fühlt mit. Der Grund ist Gottes Liebe zu uns Menschen. Zum Wesen der Liebe gehört ja das Mitfühlen mit denen, die geliebt werden. Liebe ohne Mitgefühl gibt es nicht. Das gilt nicht nur im Verhältnis Gottes bzw. Jesu Christi zu uns Menschen, sondern auch im Verhältnis zu unseren Mitmenschen.

Die Liebe Christi zu uns Menschen und daher auch sein Mitfühlen soll uns auch als Vorbild dienen, wie er es in Joh 15,12 sagt: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.“ Die anderen Evangelisten reden in solchem Zusammenhang von Nächstenliebe.
Wir wissen, dass wir diesem Anspruch nur unzureichend genügen. In den letzten ca. 20 Jahre erleben wir zudem einen dramatischen Zerfall von Mitgefühl in der Gesellschaft. Die Wissenschaft bestätigt das. Gründe dafür sieht sie vor allem in dem sich fast epidemisch ausbreitenden Narzissmus (übersteigerte Ichbezogenheit), in der massiven Nutzung der neuen Massenmedien sowie in der fortschreitenden Auflösung der sozialen Netzwerke, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Der Zerfall von Mitgefühl bringt individuell spürbare soziale Veränderungen mit sich. Davon Betroffene fühlen sich abgehängt, verraten, verkauft, alleingelassen, verletzt, beschämt und traumatisiert. Sie ziehen sich zurück, entsolidarisieren sich und werden einander fremd. Sie werden unglücklich und wissen in ihrer Not nicht wohin. Der Zerfall des Mitgefühls bewirkt, dass Menschen nicht mehr fürsorglich mit anderen Menschen umgehen, sondern letztlich nur noch an sich denken. Diese Entwicklung macht mir große Sorge und bereitet mir Unbehagen, den Wissenschaftlern übrigens auch. Rezepte, die dem entgegenwirken, ohne die demokratischen Grundprinzipien zu beschneiden oder zu verlassen, die haben sie nicht parat. Allerdings weiß ich mit vielen anderen Christen, dass Menschen, die an Jesus Christus glauben, sich vom Geist Gottes leiten lassen. Er vermag die Kraft zu geben, unser Leben in Liebe zueinander, in Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung zu gestalten. (Gal 5,22f.) Wir können das nicht aus uns heraus und dann gar für jedermann verordnen. Aber durch uns Christen kann mit einer entsprechenden Lebensweise und -haltung diesem Wirken von Gottes Geist Raum in dieser Welt gegeben werden, so dass sich auch andere zur Nächstenliebe und somit zum Mitgefühl für in Not geratene Mitmenschen anstecken lassen – ob sie Christen sind oder nicht -, sodass sich die Dinge zum Positiven wenden.

Jesus weinte. Ihm gingen die Augen über, weil er den Schmerz der Trauernden mitfühlte. Darin zeigt sich, dass ihm unser Leid und unser Ergehen nicht egal ist. Und wenn wir nicht vergessen, dass er als Gottessohn uns mit der Liebe Gottes liebt, die im wahrsten Sinn des Wortes allmächtig wirksam ist, dann fließt daraus großer Trost und viel Kraft auch für ein gutes, gedeihliches Zusammenleben mit unseren Mitmenschen hier und heute.